Frankfurt (Oder) und seine Stadtgeschichte

Stadtgeschichte im Museum – dafür gibt es inzwischen viele hervorragende Beispiele, die zeigen, dass es sich dabei nicht unbedingt nur um chronologisches Erzählen oder identitätsstiftendes Stadtmarketing handeln muss. Neben der weit über die Stadtgeschichte ausgreifenden Dauerausstellung im Kulturhistorischen Museum Magdeburg (vgl. http://www.khm-magdeburg.de/) ist auch das Museum Viadrina in Frankfurt/ Oder eine Reise wert, zumindestens für alle diejenigen, die sich für städtische Geschichte an sich und im Falle Frankfurts auch für Universitätsgeschichte begeistern.

Der Ort des Museums in unmittelbarer Nähe zur Oder und somit in Sichtweite zu Polen ist ein wunderschöner Knoblauch-Bau aus den 1780er Jahren. Wie sehr die Lage an der Oder die Stadt prägte, ihren Aufstieg zur Stadt im 13. Jahrhundert begünstigte, wird an einem großen Modell der mittelalterlichen Stadt deutlich, das im Erdgeschoss des Museums zu sehen ist. Beeindruckend die überaus wehrhafte Mauer von 2,5 km Länge mit drei Toren und 50 Wachhäusern und Wachtürmen. Frankfurt Oder war — das ist heute den wenigsten bewusst —  Hansestadt. Sein Patriziat pflegte ein durchaus anderen Hansestädten vergleichbaren Lebensstil, wie die archäologischen Funde von großen Humpen, prachtvollen Schlüsseln, Schuhen und anderen Alltagsgegenständen zeigen. Im Museum Viadrina werden von diesen ausgegrabenen Schuhen gleich eine ganze Reihe ausgestellt. Vielleicht ist es gerade diese Menge, die diese Vitrinen so beeindruckend macht und Fragen nach denen, die sie getragen haben, evoziert.

 

Die Gründung der Universität im Jahre 1506 gehörte nicht in die Zeit der Hanse und des selbstbewussten Stadtpatriziats, sondern war Ausdruck kurfürstlichen Macht- und Repräsentationsstrebens. Sie war die erste brandenburgische Landesuniversität und besaß als solche eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für die Rekrutierung höfischer und städtischer Eliten in Berlin und Brandenburg, eine Bedeutung, die symbolisch in mehreren Gelehrtenbibliotheken zum Ausdruck kommt, die im Museum für die Ausstellung zusammengestellt wurden (Foto 2).

Im Jahre 1811 wurde die Universität geschlossen, Berlin und Breslau waren nun die Sterne am preußischen Bildungsfirmament. War dies konsequenter Ausdruck der Umsetzung eines neuen, nicht durch frühneuzeitliche Traditionen bestimmten Bildungsprogramms, so begann damit für Frankfurt/ Oder eine neue Phase der städtischen Existenz, die nun hauptsächlich durch Militär und Verwaltung bestimmt wurde. Erst die bereits drei Jahre nach Mauerfall gegründete Europa-Universität Viadrina kann  an bereits verlorene Traditionen europäisch ausgerichteter Gelehrtsamkeit anknüpfen. Unter den Exponaten, die die Universitätsgeschichte Frankfurts beleuchten, gibt es ausgesprochen viel zu entdecken, u.a. die umfangreiche „Entfernungstafel“ aus dem Jahre 1562, bei der von Frankfurt aus konzentrisch die Entfernungen zu anderen deutschen Städten angegeben sind. Sie stammt von Wolfgang Jobst, Universitätsprofessor, Mediziner, Historiker und eben auch Geograph.

Das Museum Viadrina bietet ein abwechslungsreiches und überaus anschauliches Programm an Sonderausstellungen an. Bedauerlicherweise sind sie aber teilweise nur für Gruppen geöffnet. So konnten wir nur einen verstohlenen Blick in die Räume mit dem vielversprechenden Titel „Besuch in Uromas Küche“ und „Schule vor hundert Jahren“ werfen. Die Bänke, die dort standen, kamen uns sehr vertraut vor, wurden also nicht nur vor gut hundert Jahren benutzt und fanden eine Parallele übrigens nur in den 4. Klassewagen der Eisenbahn.

 

Adresse: C.-Ph:.E. Bachstr. 11, 15230 Frankfurt/Oder Tel. 0335-401560

www.museum-viadrina.de 

 

 

(Elisabeth Simon, Ruth Schilling)